Vor einigen Jahren kam eine 76 Jahre alte Nonne namens Maria in meine Praxis.
Es handelte sich um eine liebe, zurückhaltende, sehr bescheidene alte Dame, die ihre schwere Rheumaerkrankung in Gelassenheit trug. Sie litt seit vielen Jahren unter starken Schmerzen. Zunächst unterhielten wir uns eine Weile über das Leben im Kloster. Dabei erzählte sie mir, daß sie bereits mit 13 Jahren ins Kloster eingetreten war und dies auf starken eigenen Wunsch hin.
Sie hatte insgesamt neun Geschwister, zuhause ging es immer hoch her, ihre Mutter hatte sie - außer arbeitend - wenig erlebt. Ihre nächste Bezugsperson war ihre älteste Schwester gewesen. Inzwischen waren aber alle ihre Geschwister gestorben; sie war die einzige noch Überlebende der ganzen Familie ihrer Generation. Schon 1918 war ihre Mutter und einige Geschwister an einer schweren Grippeepidemie gestorben, ein Bruder von ihr war ertrunken und nach und nach waren alle anderen Geschwister verstorben.
Auf meine Frage hin, wie es ihr im Kloster ergangen sei, erzählte sie fast beschämt, daß sie sich dort immer sehr wohl gefühlt habe, da sie dort intellektuell arbeiten konnte und viel mehr Ruhe hatte als damals in ihrer Kindheit zuhause. Wenn sie einmal ihre Heimat besuchen sollte, war es ihr sogar eher unangenehm. Heimweh nach Hause hatte sie, selbst in jungen Jahren, überhaupt nicht gehabt.